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Johannes 19,17

Gründonnerstag: …und er trug sein Kreuz

Die Soldaten übernahmen Jesus. Er musste sein Kreuz selber aus der Stadt hinaustragen.
Mit einem Satz ist alles gesagt: Jesus trägt sein Kreuz. Doch was steckt eigentlich in dieser Aussage?


Der Maler Matthias Grünewald ist dem in seinem Bild „Kreuztragung Christi“ aus dem Tauberbischofsheimer Altar nachgegangen. Auf dem Fries über der Szene ist Jesaja 53,5 zitiert:
Er ist umb unser Sund willen geschlagen. In heutigem Deutsch: Er wurde um unserer Sünde willen geschlagen.
Um unserer Sünde willen – das macht deutlich: Was damals geschah betrifft auch uns. Dieses Geschehen ist wie ein Spiegel.
Um 1525 herum ist hat der Künstler das Bild geschaffen. Die Reformation hatte ihren Höhepunkt erreicht. Bauernaufstände erfassten das ganze Land. Fast überall tobte der Krieg, wurde Gewalt geübt und erlitten.
Die Menschenverachtung seiner Zeit hat Grünewald im gewaltsamen Ende von Jesus dargestellt. Weshalb?
Grünewald hatte erkannt: Wer seinen Mitmenschen verachtet, der verachtet auch seinen Schöpfer. Wer einem anderen das Lebensrecht abspricht, spricht damit Gott das Recht ab, über Leben und Tod zu verfügen.



Betrachten wir das Bild einmal genauer:
Die Szene ereignet sich in einem Innenhof. Jesus ist schon von der Folter, die hinter ihm liegt, gezeichnet. Er bricht unter der Last des Kreuzes zusammen.
Die Antwort der Soldaten lässt nicht lange auf sich warten. Der eine packt ihn. Der andere zerrt am Seil. Sie schlagen auf Jesus ein. Einer kniet hin, um ihn seinen Spott ins Gesicht zu schleudern: „Auf, wir wollen keine Zeit verlieren. Dein Galgen wartet!“ Der Querbalken des Kreuzes weist schon in Richtung Hinrichtungsstätte, draußen vor der Stadt.

Was sind das für Menschen, auf die der Künstler unsere Blicke lenkt, die Jesus zur Kreuzigung treiben? Einem Soldaten verdeckt der Kreuzbalken das Gesicht. So bleibt er anonym. Auch er ist, wie die anderen ganz bei der Sache. Sie sind sich einig: Ans Kreuz mit ihm. Die Schmerzen, die Jesus hat, rühren sie nicht. „Was geht’s mich an?“ – haben sie vielleicht gedacht: „Ich tue doch nur meine Pflicht!“ Unbarmherzig treiben sie ihren Spott mit Jesus.
Doch der Blick auf ihre Fäuste und Gesichter offenbart Ihre Not: Sie sind unfähig zu lieben. Ihr Herz ist versteinert. So verzerren sich ihre Gesichter zu Grimmassen. Sie werden selbst zu Opfern ihrer Taten. Der Hass entstellt sie.

Grünewald hat sich auf die Darstellung der Soldaten beschränkt. Es fehlen, die Menschen, die um Jesus klagten. Es fehlt auch Simon von Kyrene, der dann gezwungen wurde, das Kreuz für Jesus zu tragen. Fehlen sie, weil Grünewald damit sagen will: Keiner bleibt Zuschauer! Wir sind dabei, sind Mittäter?
Wie würde Grünewald die Szene heute malen? Die Zeiten haben sich geändert. Der Bauernkrieg ist längst Vergangenheit. Der Malstil ist heute auch ein anderer. Und doch, wir Menschen sind die gleichen geblieben.

Die Menschenverachtung ist nicht weniger geworden. Noch immer wird auf dieser Welt gefoltert. Immer wieder füllen die Zeitungen Meldungen über Gewalt und Vergewaltigungen, selbst in Familien. Angestellte werden als Units- Einheiten- gerechnet, Kranke als die Leber, der Bruch etc. bezeichnet. Wo sich jeder selbst der Nächste ist, bleibt der Mitmensch auf der Strecke.
Egal, wie Grünewald das Motiv gestalten würde, es würde ein Spiegel für die fehlende Liebe werden. „Er ist umb unserer Sünde willen geschlagen.“
Auch wenn die Soldaten agieren. Die Szene beherrscht Jesus. Grünewald hat sein Gesicht in die Bildmitte gesetzt. Wir sehen ihn direkt an. Es ist das Gesicht des Mannes, der unter der Last seines Kreuzes zusammenbricht.


Gerade als der Geschlagene, Verspottete und Misshandelte ist Jesus die das Bild bestimmende Person. Der Maler sagt damit: Die entscheidende Tat geschieht durch Jesus. Das er sein Kreuz auf sich nimmt, für uns den Tod erleidet, das ist die entscheidende Tat Gottes!
So öffnet Gott den Himmel für uns. Sein Weg ans Kreuz bahnt uns den Weg zu Gott. Indem er sich die Dornenkrone auf den Kopf drücken lässt, offenbart er, dass seine Herrschaft nicht auf unsere Kosten geht. Er kommt für Deine und meine Schuld auf. Indem er das Kreuz auf sich nimmt und den Kreuzestod annimmt, offenbart er, dass er unsere Schuld auf sich nimmt, um sie ein für alle Mal zu durchkreuzen. Er stirbt, draußen vor den Toren der Stadt, damit wir bei Gott nicht außen vor bleiben. Er nimmt die Einsamkeit der Gottverlassenheit auf sich, damit Du und ich nicht einsam und von Gott verlassen sein müssen.

So schafft Jesus die Schuld, unsere Schuld aus der Welt.
Gott herrscht ganz anders, als die Herren, die auf dieser Welt den Ton angeben. Er hält sich nicht raus. Er versteckt sich nicht hinter anderen, sondern gibt sich in Jesus ganz in das Leben hinein. Er lässt sich von unserer Schuld treffen und nimmt auch noch die Strafe, die uns treffen müsste, auf sich:
Da ist keine helfende Hand da, kein mitfühlender Blick, keine Geste des Erbarmens. Da ist kein Gott, der Einhalt gebietet und eingreift.
Der Blick von Jesus geht nach oben, über den Bildrand hinaus. Seine Augen suchen Gott, den Vater. Doch was erwartet ihn von oben?
Gleich werden die Schläge der Soldaten auf ihn niederprasseln. Gleich wird er draußen vor der Stadt aufs Kreuz gelegt und zu Tode gefoltert. –
Und – sein Vater lässt es geschehen. Sein Vater lässt es zu, ja mutet es ihm zu, denn: Um unserer Sünden willen wird er geschlagen, damit wir Frieden finden, zu Gott zurückfinden.

Auch den Vater zerreißt es innerlich. Der Vater muss seinen Sohn in die Hände der Menschen, in die Hände des Satans geben und zusehen, wie er schlägt und wütet. Weshalb? Jesus wurde um unserer Sünden willen geschlagen, damit wir Frieden finden, zu Gott zurückfinden.

Amen

 
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