Wenn Hoffnungen unerfüllt bleiben?
„Ich muss mit Dir reden!“ – was kann dieser Satz nicht alles auslösen, je nachdem, wann, wo und von wem er gesprochen wird. Die Palette der möglichen Reaktionen reicht von froher Hoffnung, Gleichgültigkeit, Skepsis bis hin zu Panik. Wichtig ist: Da gibt es etwas was ich wissen soll, oft auch geklärt werden muss.
„Ich muss mit Dir reden…“ G-O-T-T - ist nicht nur die Botschaft der Kontaktkarte des Gemeindegründungsprojektes eXper!ence, sondern der Bibel insgesamt. In eine dieser Begegnungen blenden wir uns jetzt ein. Sie wird in Gen 15,1-6 erzählt:
Nach diesen Geschichten begab sich's, dass zu Abram das Wort des HERRN kam in einer Offenbarung: Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn. 2 Abram sprach aber: HERR, mein Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Knecht Elïeser von Damaskus wird mein Haus besitzen. 3 Und Abram sprach weiter: Mir hast du keine Nachkommen gegeben; und siehe, einer von meinen Knechten wird mein Erbe sein. 4 Und siehe, der HERR sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein. 5 Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! 6 Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. (Text: Luther 84)
Nach diesen Geschichten beginnt die Erzählung. Die Vorgeschichte ist es nämlich, die Gott dazu bringt zu sagen: Ich muss mir Dir reden. Wie jede Beziehungen Höhen, Tiefen, Spannungen, Zweifel… ausgesetzt ist, so auch unsere Beziehung zu Gott. Man sagt zwar, Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, aber in Beziehungen gilt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gift. Darum sucht Gott das Gespräch:
1) Gott sagt: Ich muss mir Dir reden – weil mir an Dir liegt:
Gott will mit Abraham reden, weil ihm an der Beziehung zu Abraham lag. Es gab nämlich etwas, was Abraham mit sich herumschleppte. Er sprach nicht darüber. Doch so stand es unausgesprochen zwischen ihm und Gott.
Er war verletzt, von Gott verletzt. Zwar hatte er Gottes Hilfe auf vielfältige Weise erfahren, Gottes Geduld und Großzügigkeit, aber es gab eine offene Wunde. Diese Wunde schmerzte und blutete.
Die eigenen Verletzungen zu ignorieren kostet Kraft. Wir sind nicht blind, -sehen doch, was mit uns los ist.
Aber es ist auch schmerzhaft, wenn an diese Stellen gerührt wird. Vielleicht war das ein Grund dafür, dass Abraham nicht darüber sprach und Menschen um ihn herum nicht wussten, was ihn wirklich bewegte. Wie lange sind wir in der Gemeinde und was wissen wir voneinander?
Es ist Mut machend, dass Gott das Gespräch mit Abraham suchte und sagte: Fürchte Dich nicht. Gott schafft einen angstfreien Raum und signalisiert: Ich will Dir gut. Das gilt auch Dir und mir, weil er in Jesus Christus zu uns gesprochen hat und spricht. Gott sieht nicht bloß die fromme und/oder coole Fassade. Er sieht auch Verzagtheit, Furcht, Zweifel, Ärger, all das, was wir hinter der Fassade verstecken und sagt uns wie Abraham: Fürchte Dich nicht. Ich bin dein Schild, wenn Du mir folgst bist Du sicher. Dein Weg und dein Mühen sind nicht vergeblich. Gottes Hände bergen das große Geschenk, das Abraham erwarten darf.
Luther übersetzte: „Ich bin dein sehr großer Lohn.“ Wie kostbar ist Gottes Nähe, „aber der Urtext enthält doch die Zusage, dass Abraham aus Gottes Händen das Geschenk des verheißenen Landes empfangen wird.“ (H.W.Wolff, …wie eine Fackel, S.11). Gott legt seinen Finger auf die offene Wunde: „Zweifle nicht! Die Zusagen, die ich dir gab sind nicht hinfällig.“ Das Gleiche will Gottes Wort in Jesus Christus erreichen. Lass das Zweifeln, zu kurz zu kommen. Doch Abraham wehrt ab. Es ist nicht mit einem Trostpflaster getan! Gottes Worte gingen tiefer. Aus der Tiefe seines Herzens bricht hervor: Was willst Du mir noch geben? …- Durch die wiederholten Versprechen fühlt er sich hingehalten.
Wie gerne würde er die Hoffnung festhalten, aber sie zerrann ihm zwischen den Fingern. Der ganze Weg mit Gott war ihm fragwürdig geworden. Wozu das Ganze? Ist womöglich alles umsonst gewesen? Gott hatte ihm dieses Land als Besitz für seine Nachkommen zugesagt, aber was gehörte ihm davon? Gott hatte ihm einen Sohn versprochen, aber die biologische Uhr bei Sara und ihm war bereits abgelaufen.
2) Gott nimmt Deine Zweifel ernst, denn er sucht Dein Vertrauen Wenn das tägliche Erleben gegen das spricht, was uns ständig von Gott gesagt worden ist (J. Busch, Ausländer auf Befehl, S. 50f) ficht das uns an. Abraham kam es vor, dass Gott sich gar nicht um seine unerfüllten Wünsche, die Not seines Herzens kümmerte.“
Wie vielen Paaren geht es so: Sie wünschen sich Kinder. Sie beten, hoffen, warten und erleben jede Regelblutung wie eine persönliche Niederlage. Ihre Sexualität kann so von diesem Wunsch beeinträchtigt werden, dass die Lust auf der Strecke bleibt. Die Ärzte geben den Rest, wenn sie mitteilen: Sie werden wohl nie Kinder haben. Andere Christen wünschen sich einen christlichen Partner. Sie sind nicht für das Alleinsein geboren, wollen auch nicht irgendjemand, sondern einen Menschen mit dem sie ein Herz und eine Seele sein können, den Glauben teilen können. So vergeht Jahr um Jahr und sie sind noch allein.
Doch bei Abraham ging es nicht bloß um das persönliche Glück. Es ging um die Segensverheißung für alle Völker. – Solange Abraham kinderlos blieb, konnte Gott diese Verheißung nicht einlösen. Wie viele Christen mühen sich, für andere zum Segen zu werden, empfinden aber: „Der Glaube verpufft im Leben“. Wer sich selbst als der Schmied seines Glückes sieht hat diese Probleme nicht. Sein Wille ist dann sein Himmel oder seine Hölle. Mag er auch klagen: „Warum lässt Gott das zu?“, kennt er doch nicht die Spannung, die entsteht, wenn die Schere zwischen Gottes Zusage und unserem Erleben immer weiter aufgeht.
Als Abraham klagt, kann Gott aufatmen: Endlich ist es raus. Endlich macht Abraham aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr, sondern ist ehrlich. Wort für Wort nimmt Gott Abrahams Klage auf und setzt sein Wort dagegen. Was verändert sich damit? Die Blickrichtung. Jetzt stehen die Fakten nicht mehr gegen das Wort, sondern jetzt steht sein Wort gegen die Fakten.
Mit anderen Worten: „Abraham, mein Weg mit Dir ist noch nicht zu Ende. Meine Zusage hat Bestand, auch wenn sie Deine Vorstellungskraft und Erfahrung übersteigt.“ Gottes Zusagen, die uns durch Jesus gegeben sind, hängen nicht an den Äußerlichkeiten auch nicht an unserer Glaubensstärke. Auch wenn Abraham und wir Gottes Weg mit uns nicht verstehen. Gott ist treu, aber er bleibt Gott.
3) Gott führt aus der Enge in die Weite, denn seine Liebe ist größer als wir erfassen können.
Mitten in der Nacht führte Gott Abraham aus der Enge des Zeltes nach draußen ins Freie. Er lässt ihn den orientalischen Sternenhimmel betrachten. „Nun fange an die Sterne zu zählen, wenn Du es kannst! “ Unmöglich – Im Rund des Firmaments funkeln viel zu viele. Dann kommt die Zusage: „So groß wird Deine Nachkommenschaft sein“.
Mit dem Blick gen Himmel erschließt sich Abraham neu der Blick für die Größe Gottes. Gott, der die Sterne, ja den ganzen Kosmos geschaffen hat, vermag auch jetzt neue Tatsachen zu schaffen. Wie viel Glaubensnot und Not entsteht, weil wir an der falschen Front skeptisch sind. Lassen wir wie Abraham unser verengtes Denken weiten und beginnen damit Gottes Möglichkeiten zu buchstabieren! Paul Gerhard hat das in seinem Choral „Befiehl Du Deine Wege“ getan. Er spricht zwar nicht mehr die Sprache von heute, aber von der Erfahrung für heute:
Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
Und Strophe 7: Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht! Lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bis du doch nicht Regente, der alles führen soll: Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.
Als Abraham die Größe Gottes neu aufgeht, kann er nur staunen: Gott sieht nicht nur die offene Wunde meines Lebens. Er umschließt mein Leben in seiner Liebe und steht zu seiner Verheißung. Was könnte das in deiner Situation; deinem Fragen bedeuten? Bleib offen für Gottes Wirken. – Gott steht dazu, dass er nicht ein Leben voller Mittelmäßigkeit, sondern ein Leben in Fülle verheißen hat. – Darum lass Dich neu in Dienst nehmen. Als Abraham aufgeht, was Gott ihm zu verstehen gibt, verstummte er. Kein Wort der Skepsis, kein Wort der Verbitterung oder Kündigung, - stattdessen stilles Staunen.
Abraham glaubte Gott. Das Wort glauben hat denselben Stamm wie unser Wort amen. Es geht nicht einfach darum, etwas für wahr zu halten, oder eine Tatsache hinzunehmen, sondern Amen dazu zu sagen. Wir halten diese Zusage für tragfähig, so dass wir sie als Brücke in die Zukunft betreten. Wir halten es diese Brücke für zuverlässig, vertrauen dass Gott neue Tatsachen schafft. Glauben bedeutet, sich selbst in Gott fest machen. Dieses Vertrauen ist aus der Begegnung mit Gott erwachsen.
Gott sucht keine Helden, sondern Menschen, die ihm ehrlich ihre Zweifel hinhalten und an die Wunden und Enttäuschungen heranlassen. Er sucht Menschen, die ihn Gott sein lassen, indem sie ihm zutrauen, dass er neue Fakten schaffen kann und offen bleiben für sein Handeln, weil sie seiner Liebe vertrauen, denn Gott hält Wort.
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